Erinnern heißt kämpfen! – 9.November in Jena

Der Flyertext von Pekari zum heutigen Tag.

Das geläuterte(?) Volk marschiert wieder…

Heute vor 78 Jahren, am 9. November 1938, fanden die Novemberpogrome statt, bei denen über 400 Jüd*innen ermordet, unzählige Synagogen, Geschäfte und Wohnungen jüdischer Menschen verwüstet oder in Brand gesteckt wurden. Am darauffolgenden Tag wurden bis zu 30.000 Jüd*innen in Konzentrationslager gebracht. Dieses Datum markiert den traurigen Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung zur systematischen Gewaltanwendung gegen Jüd*innen, die in der Shoa endete.

Wir empfinden es deshalb als besonders unerträglich, dass Rassist*innen, Antisemit*innen und Neofaschist*innen wie die von Thügida an einem solchen historischen Tag die Opfer nationalsozialistischer Gewalt verhöhnen – an einem Tag, der dem Gedenken an die Opfer gehören sollte. Es ist zu begrüßen, dass am 9.11. in vielen Städten in Deutschland Gedenkveranstaltungen abgehalten werden und die Mittäter*innenschaft der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen des Nazi-Regimes zumindest offiziell nicht mehr geleugnet wird. Allerdings wird die Erzählung des „geläuterten Deutschlands“ (Gauck 2013), das aus der Vergangenheit gelernt habe, bei genauer Betrachtung unglaubwürdig: Zu häufig wird noch der vielbeschworene „Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit“ gefordert, zu häufig wird noch versucht, Deutschland in die Opferrolle zu zwängen, zu häufig wird „den Juden“ noch vorgeworfen, die Shoa für ihre Interessen zu instrumentalisieren, den deutschen Diskurs zu manipulieren und so weiter.
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Gegen die Thügida-Demo am Mi (17.8.16)

… oder wie JURI es nennen: Take them down in Paradise city! Nicht nur die linke Gruppe aus Jena ruft dazu auf, sich am Mittwoch, den 17. August, den Nazis entgegen zu stellen. Auch die Leute vom antifaschistischen Saalfelder Jugendbündnis haben ihre Gedanken zum de facto Heß-Todestag-Gedenkmarsch in ein paar Worte gefasst. Und das obwohl es in Saalfeld selbst genug zu tun gibt. Danke für die Solidarität an dieser Stelle!
Ihr braucht noch mehr Infos zu Mittwoch? Dann hilft aktuell nur der twitter-Kanal ‚Läuft nicht!‘.

Die Eckdaten sind klar: Gegen die Thügida-Demo am Mi (17.8.16) weiterlesen

Am 20.7. warm-up gegen Thügida in Jena

Am Mittwoch, den 20. Juli, werden Thügida mit ihrem Wurstmobil von 12 bis 15 Uhr in Jena auf dem Marktplatz zu Besuch sein. Seit David Köckerts Rückzug von der NPD widmet sich er völlig seinem Projekt Thügida und tourt seit dem letzten Besuch in Jena (20. April) weiter durch das Land. Bevorzugt nach Ostthüringen und Sachsen, aber auch runter nach Südthüringen und Nordbayern bis rauf nach Niedersachsen und Berlin fahren die Thügida-Nazis, um ihre Menschen verachtende Scheiße unter die Leute zu bringen und ihr rechtes Netzwerk zu pflegen. Nun also mal wieder nach Jena.
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Auswertung zum 20.04.

Folgend eine Dokumentation der lesenswerten Auswertung des 20. April von JURI:

„Der Aufmarsch von Thügida in Jena zum Geburtstag Adolf Hitlers am 20.April und die unterschiedlichen antifaschistischen Proteste am Tag sind nun schon einige Zeit her. Neben diversen Videos und einer ausführlichen Presseberichterstattung fand eine breite Diskussion um den Aufmarsch und die Proteste statt. Auch wenn Thügida dank einer polizeilichen Wagenburg rund um die Aufmarschstrecke und dem manchmal zu zögerlichen Verhalten der Gegendemonstrant_innen nicht gestoppt werden konnte, ziehen wir als radikale Linke und Antifaschist_innen eine positive Bilanz des Tages. Über 3.000 Menschen, die rund um die polizeiliche Wagenburg unterwegs waren, um an Protesten an der Wegstrecke von JG, StuRa und Parteien, an der antifaschistischen Jugenddemonstration, an Blockadeversuchen wie am Theaterplatz durch Einzelpersonen oder durch das Aktionsnetzwerk und schließlich – nach dem Scheitern all dieser Versuche – an Angriffen auf die Neonazidemonstration beteiligt waren, sind bemerkenswert.
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JETZT: Hausbesetzung in Jena

JETZT: Hausbesetzung in Jena

Vor wenigen Minuten wurde in der Neugasse in Jenas Innenstadt ein Haus besetzt. Sympathisant_innen sammeln sich rund ums Haus – Unterstützung ist äußerst willkommen!

Das Haus

Die Neugasse 17 steht seit mindestens fünf Jahren leer. Die Heizungen wurden entfernt, die Wasserleitungen abgeschraubt und die Sicherungskästen abgeklemmt. Eigentümer ist JenaWohnen, wo offensichtlich seit Längerem kein großes Interesse daran besteht, mit dem zentral gelegenen Haus in naher Zukunft irgendetwas anzufangen. Eher im Gegenteil; wer es so lange brachliegen lässt und die Fenster und Türen nur notdürftig mit Holz zunagelt, scheint langfristig mehr Interesse an einem Abriss oder einem Grundstücksverkauf zu haben als an dem bestehenden Haus selbst. Wie auch immer diese Interessen bzw. marktüblichen Kalkulationen aussehen mochten – der langjährige Status des Leerstands ist nun beendet und das Haus dem Eigentümer und damit dem Markt entzogen. Ob seiner Lage in der Innenstadt, dem Raum für 3-4 Wohnungen, der Dachterrasse, dem Garten und vor allem aber der Ladenfläche im Erdgeschoss war es ab einem gewissen Grad an Entschlossenheit einfach unwiderstehlich und politisch kaum vertretbar, sich dieses Haus nicht einfach zu nehmen.

Infocafé Wolja – Raum für Debatte und Intervention

Angesichts des baulichen Zustands und der sinkenden Temperaturen dürfte es eine Weile brauchen, um die oberen beiden Stockwerke in einen wohnlichen Zustand zu versetzen. Die Ladenfläche mit ihren dahinterliegenden Räumen steht allerdings unmittelbar als Raum für Infoveranstaltungen, Diskussionen, Workshops, Lesecafé uvm. sowie als Ausgangspunkt für weitere Aktionen zur Verfügung. Das hängt nicht nur mit der günstigen baulichen Beschaffenheit zusammen; die Hausbesetzung an sich einen geringen Beitrag zu langatmigen Kämpfen gegen Privateigentum, die Verwertung sämtlicher Lebensbereiche und die dafür notwendige hierarchische Strukturierung der Gesellschaft dar. Die Aktion kann nur einen neuen Raum eröffnen, als Startpunkt gesehen werden, sich weitere Räume anzueignen, in denen die widerständische Praxis reflektiert werden kann. Reflektion und das Verstehen der allgegenwärtigen Widersprüchlichkeiten ermöglichen überhaupt erst eine Bewegung. Die Besetzung schafft keinen Freiraum – sie schafft einen Raum für Befreiungsprozesse. Die Ladenfläche im Erdgeschoss wird ab heute unter dem Namen “Infocafé Wolja” für emanzipatorische Kämpfe um Stadt und Gesellschaft offen stehen, aber dabei auch nicht versäumen, einen gemütlichen Ort der Zusammenkunft zu schaffen, an dem ebenso gestritten wie gefaulenzt werden kann. “Wolja” hat seinen Ursprung im Russischen bzw. im Ukrainischen und steht für “Wille, Freiheit, Weg, Sehnsucht”, was dem Anspruch des neu eröffneten Raums relativ nahe kommt.

Heute

Es ist abzusehen, dass der Eigentümer mithilfe der Polizei so bald wie möglich die Besetzung beenden wollen wird. Die Aktion lebt dabei nicht nur von der konkreten Besetzung, sondern vom Bruch mit dem befriedeten Jenaer Alltag. Je mehr Menschen sich am Haus einfinden, eigene Aktionen machen, eventuell Flugblätter verteilen oder Diskussionen führen, desto größer wird sowohl die Wirkung der gesamten Aktion, als auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Besetzung langfristig sein wird. Im besten Fall gibt es viele unterschiedlich agierende Bezugsgruppen, die z.B.

  • in Absprache miteinander zu bestimmten Zeiten Vorder- und Rückseite des Hauses dicht halten
  • weitere Menschen mobilisieren
  • Infrastruktur für eine kalte Nacht heranschaffen
  • eigene Inhalte per Flyer/Megafon vermitteln
  • eigene Aktionen in der Stadt machen
  • miteinander und mit anderen über zukünftige Interventionen in Jena und anderswo diskutieren

Als Besetzer_innen gehen wir davon aus, dass die Polizei, wenn es einmal den Beschluss zur Räumung gibt, diesen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetzen wird. Sobald diese Situation eintritt, werden wir uns im Haus auf passiven Widerstand beschränken. Die staatlichen Organe werden im Ernstfall immer auf brutalere Ressourcen zurückgreifen, als wir sie uns jemals aneignen wollen. Das gilt vor allem für die spezifische Situation der Menschen im Haus. Auf dieser Grundlage könnt ihr für euch entscheiden, wie ihr ums Haus herum auf polizeiliche Eskalationsversuche reagieren wollt.

Seid auf Repressalien gefasst – macht bei Ingewahrsamnahmen auf keinen Fall Aussagen, unterschreibt nichts und meldet euch beim EA (01578 524 88 08) – passt auf eure Freund_innen auf – meldet euch später bei der Roten Hilfe

Aktuelle Infos und Hintergrundtexte unter http://wolja.noblogs.org

07.08.2013: Infoveranstaltung der Initiative gegen Polizeigewalt in Halle

Mittwoch 7.8., 19.30 Uhr, Infoladen Jena, Schillergäßchen 5

Infoveranstaltung der Initiative gegen Polizeigewalt aus Halle zum aktuellen Verfahrensstand im Ermittlungsverfahren gegen die 2. Hundertschaft Magdeburg wegen Körperverletzung im Amt und zur Demo „Täter-Ermittlungsbehörde-Staatsanwaltschaft – Ziemlich beste Freunde“ am 17.8. um 15 Uhr am Hauptbahnhof Halle.

 

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Gegen Freud und Adorno. Georg Klaudas Abschaffung des (homosexuellen) Subjekts

Am 3. Juli 2013 lud die „Antifaschistische Aktion Jena“ (AAJ) zusammen mit dem „Referat gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ zu einem Vortrag mit dem Soziologen Georg Klauda. In der trüben „Lichtstadt Jena“ sticht eine Antifagruppe wie die AAJ mit ihrer famosen Gründungserklärung, samt dimitroffscher Faschismusformel, besonders grell hervor, wie jüngst bereits die hallenser Bonjour Tristesse treffend bezeichnete.1 Titel und Ankündigungstext der Veranstaltung mit Klauda ließen bereits einiges erwarten: „Homophobie und Psychoanalyse im Werk von Theodor W. Adorno“.2 Der Vorwurf der Homophobie an die sogenannte Frankfurter Schule ist in diesem Zusammenhang keineswegs neu. Die grundlegende Debatte zwischen Randall Halle und Martin Dannecker in der Zeitschrift für Sexualforschung, welche das Konzept der Homosexualität in der Kritischen Theorie zur Diskussion stellte, wurde von Klauda allerdings als zu ‘werkimmanent’ abgetan. Was das genau bedeutet und für Konsequenzen hat, wird im folgenden nachgezeichnet.

Anschließend an die foucaultsche Formel von der „Seele als Gefängnis des Körpers“3 wurde nicht weniger dargeboten als eine grundlegende Abrechung mit der Psychoanalyse als Element von Gesellschaftskritik. Im Besonderen sollte es um das homosexuelle Subjekt, dessen Konstituierungsprozess beziehungsweise „Konstruktion“ und die Normierung und Pathologisierung desselben in der Psychoanalyse gehen. Adorno diente als Exempel denn er sei, „wie vielleicht kein zweiter dazu prädestiniert, in seiner konformistischen Verdopplung der Zeit (sic!) die Grundlage für eine kleine Geschichte der Homophobie im 20. Jahrhundert und vor allem der Rolle der Psychoanalyse darin zu liefern.“4

Der unvermittelten Relation zwischen Adornos individueller Erfahrung und seiner kritischen Theorie gab der Referent eingangs die Bezeichnung der ‘Gesellschaftsbiographie’. Dieser von Siegfried Kracauer in seinem 1937 erschienen Werk Jaques Offenbach und das Paris seiner Zeitgeprägte Begriff war der Versuch einer Vermittlung von individuell biographischem und allgemeiner Geschichtsschreibung, also von Besonderem und Allgemeinem, und damit der Versuch die klassische Form der Biographie aufzuheben. Dass der avantgardistische Anspruch Kracauer jedoch nicht gelang, liegt zuvorderst an dem schier unlösbaren Versuch „das Rästel lösen zu wollen, das in der Konstitution des Verhältnisses zwischen Individuum und Allgemeinheit liegt.“5 Dass es demnach einer Vermittlung zwischen Allgemeinem und Besonderm bedarf und die „Lücke“ dazwischen nicht einfach zu „kitten“ ist, war seit jeher die theoretische Grundlage der Kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer basierend auf der Psychoanalyse Freuds. Anstatt sich diesem Anspruch jedoch zu verpflichten war es das Vorhaben von Klauda die Psychoanalyse, ganz im Sinne Foucaults, über Bord zu werfen und die Analyse von Homosexualität und Homosexuellenverfolgung in Diskursen aufzulösen. Die infantile Sexualität und die Triebtheorie sind aus dieser Perspektive nichts weiter als (hetero-)normalisierende Zuschreibungen – innere Konflikte des Subjekts spielen keine Rolle mehr. Wer sich jedoch vom „Eingedenken der Natur im Subjekt“6 verabschiedet, kann, wie es die Psychoanalytikerin Christine Kirchhof ausdrückt, nur unkritische Theorie fabrizieren: „Immer, wenn die infantile Sexualität und damit einhergehend die Triebtheorie relativiert oder als überflüssig erachtet werden, kann man davon ausgehen, dass man es mit unkritischer Theorie zu tun hat, die das Psychische entweder komplett zur Natur schlägt oder es in Gesellschaftliches auflöst.“7

Im Vortrag fand folglich auch keine kritische Auseinandersetzung mit psychoanalytischen Kategorien und ihrem Wandel statt, sondern lediglich die Diffamierung der Triebtheorie als „rassifizierend“. Die These: Die Psychoanalyse konstruiere eine homosexuelle Seele des Subjekts um dieses schließlich zu pathologisieren. Die Rolle Adornos diente hier wieder als Beispiel für die generelle Absage an Kritische Theorie. Die Liebesbeziehung zwischen Adorno und Kracauer8 in den 1920er Jahren wurde beispielsweise völlig unvermittelt und deterministisch interpretiert:

„Diese sorgfältig vor der Umwelt verheimlichte Erfahrung, die erst unlängst durch die Veröffentlichung des einschlägigen Briefwechsels einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist, führte Adorno in den folgenden Jahrzehnten allerdings nicht zu einer Kritik an den homophoben Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft, sondern zu deren blindwütiger Affirmation (sic!).“

Klaudas Argumentation, dass Adornos verdrängte Homosexualität zur ressentimentbehafteten Homophobie in Form von Projektion seiner Aggression auf manifest Homosexuelle geführt hätte, hinkte allerdings. Er befand sich damit selbst wieder in den Gefilden der von ihm verhassten Psychoanalyse. Dies schien ihn jedoch nicht weiter zu tangieren und statt stichhaltiger Argumentation wurde sein Referat immer lauter und aggressiver. Das sprudelnde Ressentiment richtete sich gegen die Kritische Theorie in toto. An ausgewählten Zitatfetzen aus Adornos Werken ging es nun munter weiter mit der Unterstellung, dass das „aus der stalinistischen Propaganda übernommene und psychoanalytisch umgedeutete Bild des Faschismus als Form „paranoider Homosexualität““ in der Dialektik der Aufklärung wiederzufinden sei. Diesem Zusammenhang musste er aufgrund einer kritischen Nachfrage zwar zurücknehmen, eine differenzierte Analyse des Wandels von psychoanalytischer Deutung der Homosexualität fehlte jedoch völlig. Auf eben jenen hat bereits Tjark Kunstreich verwiesen, indem er aufgezeigt hat, dass bei den Schriften der Psychoanalytiker Wilhelm Reich und Erich Fromm keine Vermittlung mehr zwischen (homosexuellem) Individuum und der Gesellschaft besteht. Die Revision von grundlegenden Positionen der freudschen Psychoanalyse führte schließlich zur Ineinssetzung von Individuellem und Gesellschaftlichem. In der Analyse des Nationalsozialismus in den 1930er Jahren führte jener Kurzschluss schließlich zur expliziten Ablehnung individueller Homosexueller.9

Die Differenz zwischen individuellem, bewusstem homosexuellen Begehren des Subjekts und gesellschaftlichen Konstellationen die als homosexuell bezeichnet werden können, ist jedoch die Grundlage für Adornos Gesellschaftskritik. Es basiert auf dem Konzept der unbewußten Homosexualität, welche in den Worten von Martin Dannecker folgendermaßen zu beschreiben ist: „Die Rede von der unbewussten Homosexualität bezeichnet in der Kritischen Theorie eine desexualisierte und zugelich charakteristische mann-männliche Beziehungsmodalität.“10

Wenn von gesellschaftlicher Homosexualität die Rede ist, handelt es sich vornehmlich um das Phänomen des Männerbundes. Der von Klauda in diesem Zusammenhang angeführte Hans Blüher, Mitglied und Theoretiker der Wandervogelbewegung, wurde zwar im Vortrag erwähnt und zitiert, der Zusammenhang von regressivem Männerkult und Nationalsozialismus jedoch nicht weiter fokussiert. Vielmehr wurde das antifaschistische Erkenntninisinteresse über den Zusammenhang von verdrängter, gesellschaftlicher Homosexualität und autoritärem Charakter geleugnet, als Homophobie diffamiert und damit schließlich indiskutabel.

Diesen Zusammenhang gälte es jedoch genauer zu analysieren, wie dies zum Beispiel der Historiker Christopher Treiblmeyer tut: „Anders als etwa bei Blüher grenzte sich das nationalsozialistische Männerbunddenken zwar gegen die als “weibisch” angesehene männliche Homosexualität ab, ist aber aufgrund der libidinösen, hierarchisch organisierten Bindung der Bundesbrüder an den “Männerhelden” in ihrer Homosozialität durchaus homoerotisch konnotiert.“11 Dass die NS-Bewegung keineswegs eine Horde von schwulen Männern war, sollte dabei ebenso auf der Hand liegen, wie die Tatsache, dass die Verfolgung von als homosexuell stigmatisierten Subjekten durch die Nazis den brutalen Tod im Konzentrationslager zur Folge hatte.

Wenn Adorno nun etwa im von Klauda angeführten Aphorimus Tough Baby schreibt „Totalität und Homosexualität gehören zusammen“12 ist dies explizit als Gesellschaftskritik zu verstehen, welche auf dem Konzept der unbewussten Homosexualität fußt und auf die gesellschaftlich begründete Ächtung Homosexueller verweist. Der von Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung zur Analyse und Kritik der Elemente des Antisemitismus geprägte Begriff der pathischen Projektion verweist exakt auf diesen Aspekt und hat zumeist die verdrängte Homosexualität als Basis von Agression.13

Der Zusammenhang von Männlichkeit und damit verbundener Härte, welche sich schließlich im Nationalsozialismus potenzierte, wird hergestellt, oder in den Worten von Kunstreich: „Wenn Horkheimer und Adorno also von Homosexualität sprechen, meinen sie eine gesellschaftliche, nicht eine individuelle, und die wenigen Stellen, an denen Adorno von homosexuellen Individuen spricht, deuten auf einen Fortschritt im Nachdenken über die gesellschaftliche Homosexualität. Zwar differenzieren Horkheimer und Adorno zwischen individueller oder manifester und gesellschaftlicher Homosexualität nicht explizit, doch findet diese Unterscheidung ihre Begründung im Material selbst.“14

Inwieweit Kunstreich hierbei zuzustimmen ist, könnte nur mittels einer kritischen Analyse des besagten Materials festgestellt werden. Dafür müsste man sich jedoch ideologiekritisch mit psychoanalytischen Kategorien wie Trieb, Verdrängung und Unbewusstem auseinandersetzen und nicht, wie Georg Klauda, jegliche Analyse von Homosexualität und Homophobie in Diskursen auflösen, welche die Spannungen des Subjektkonstituierungsprozesses, mithin das Subjekt selbst, kassiert.15

Anmerkungen:

1 Vgl. Hilfe, sie sind da!, in: Bonjour Tristesse 14 (2013);http://bonjourtristesse.wordpress.com/2013/06/26/hilfe-sie-sind-da/

3 Die repressiven Züge der menschlichen Psyche beschreibt Foucault wie folgt: „Doch täusche man sich nicht: man hat an die Stelle der Seele, der Illusion der Theologen, nicht einen wirklichen Menschen gesetzt. Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, ist bereits in sich das Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er. Eine “Seele” wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber ein Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die Seele: Gefängnis des Körpers.“ in: Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1994, S. 41.

4 Vgl. Ankündigungstext von Georg Klauda. Alle weiteren Zitate, falls nicht anders gekennzeichnet beziehen sich ebenfalls auf diesen.

5 Vgl. Esther Marian: Das Pfeifen im Walde. Über Kitsch, Utopie und Grauen, in: Sans Phrase, Zeitschrift für Ideologiekritik 1 (2012), S. 3-15.

6 Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, AGS Bd 3, S. 58; Zum ambivalenten Konstitutionsprozess der menschlichen Psyche schreiben Sie einige Seiten zuvor: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die Lockung, es zu verlieren, mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung gepaart.“ (Ebd. S. 50.)

7 Vgl. Christine Kirchhof: Zur Aktualität der Psychoanalyse, in: Phase 2 Nr. 41 (2012); http://phase-zwei.org/hefte/artikel/hass-auf-vermittlung-und-lckenphobiee-34/

8 Vgl. Wolfram Schütte: Die intime Tragödie einer lebenslangen Freundschaft, Der Briefwechsel Adorno-Kracauer;http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/908250/

9 Die Ineinssetzung der NS-Bewegung mit homosexuellem Begehren kulminierte bei vielen Kommunisten im Ressentiment gegen manifest Homosexuelle – in einem Wortlaut, der Maxim Gorki zugeschrieben wird: “Rottet die Homosexuellen aus, und der Faschismus ist verschwunden!” Vgl.http://www.taz.de/1/archiv/?id=archivseite&dig=2002/02/23/a0222

10 Martin Danecker: Die Kritische Theorie und ihr Konzept der Homosexualität, in: Zeitschrift für Sexualforschung 10 (1997).

12 Theodor W. Adorno: Minima Moralia, AGS Bd 4, S. 51.

13 „Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr. Das in Aggression umgesetzte Verpönte ist meist homosexueller Art.“ in: Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, S. 217, (Hervorhebung nicht im Original).

14 Tjark Kunstreich: Dialektik der Homophobie. Adornos Angst vorm Männerbund als antifaschistisches Erkenntnisinteresse, in: Renate Göllner, Ljiljana Radonic (Hrsg.), Mit Freud, Gesellschaftskritik und Psychoanalyse, Freiburg 2007, S.131.

15 Zur postmodernen Abschaffung des Subjekts vgl. Jean Améry: Der abgeschaffte Mensch. Blick in die Welt des Strukturalismus, in: Sans Phrase 1 (2012), S. 65-78.

Hilfe, sie sind da!

Das Antifa-Spektrum der selbsternannten »Lichtstadt Jena« wurde im Januar um eine weitere Facette der geistfreien Finsternis bereichert: Unter dem Titel »Wir sind da …!« trat eine »Antifaschistische Aktion Jena« (AAJ) an die Öffentlichkeit, der man nichts Schlimmeres antun kann als sie zu zitieren. Jene Aktionisten, so heißt es in der Gründungserklärung der Gruppe, die »in Jena leben, arbeiten, studieren, zur Schule gehen, haushalten usw. usf.« nehmen in »Jena und der Region […] eine hohe [!] Erscheinung an faschistischen Umtrieben wahr« und stellen fest, dass »in Stadtteilen wie Lobeda und Winzerla […] Menschen mit ›Thor Steinar‹-Kleidung keine Ausnahmen sondern alltäglich sind«. »Wir wollen nicht in einer Stadt leben,« so die AAJ weiter, »in der es mittlerweile völlig normal ist mit Personen Tür an Tür zu wohnen, die offen Gewalt an [!] Menschen verschiedener sozialer, kultureller, ethnischer, politischer Herkunft propagieren« und die »ihre menschenverachtenden Gedanken offen zur Schau stellen«. So ganz sicher, ob Nazis nun offen oder verdeckt agieren, sind sich die Autoren offenbar nicht, denn vordergründiges Ziel »im permanenten Abwehrkampf gegen Nazis« ist es, »faschistische Strukturen aufzudecken und offen zu benennen«. Der Bezug auf die KPD-nahe »Antifaschistische Aktion« der frühen 1930er Jahre wird durch eine Welterklärung untermauert, die einen Vergleich mit dem gruseligsten Parteikommunismus nicht zu scheuen braucht: »Der Faschismus ist ein Herrschaftssystem, welches die radikalste und reaktionärste Form der Klassengesellschaft darstellt«.

Den erklärten Feinden – den Nazis – halten die Autoren aber immerhin zu Gute, dass »sich die Faschist_innen revolutionär und antikapitalistisch geben«. Allerdings, das finden sie wiederum schade, »nicht im fortschrittlichen Sinne«. Denn die Nazis lassen sich als willenlose Manövriermasse »in den tiefsten Krisenzeiten« missbrauchen, nämlich dann, »wenn die Kapitalbesitzenden die Demokratie nicht mehr im Stande sehen die Eigentumsverhältnisse zu sichern«. In dieser revolutionären Situation »sollen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen manifestiert werden […] hinsichtlich der Verwertungsinteressen der herrschenden Klasse auf politischer, ökonomischer, militärischer und ideologischer Ebene, mit Hilfe terroristischer Gewalt«. Kurzum: Zur Abwehr der drohenden proletarischen Revolution benötigen die Machthaber eine »faschistische Massenbasis, um die kapitalistischen Verhältnisse zu zementieren«.

Die Perspektive einer revolutionären und antikapitalistischen Querfront erscheint aufgrund der thematischen Schnittmengen nicht unrealistisch: Ganz im Sinne eines der Volksfront verpflichteten Antifaschismus greifen auch die Nazis »aktuelle gesellschaftliche Problematiken« auf, indem sie sich »oftmals sozialen und emotional geprägten Themenkomplexen, wie Kindesmissbrauch oder auch dem Tierschutz, widmen« – Themen, die der AAJ offenbar auch unter den Nägeln brennen. Das Dumme ist nur: Die »Faschist_innen« versuchen damit »ihr wahres Gesicht zu verschleiern« und »sind stets reaktionär«. Das hat man in dieser Form lange nicht mehr gehört, und es ist das unbestreitbare Verdienst dieses Vereins, dass er wieder einmal offen zu Tage gefördert hat, dass Blödheit und Autoritätsgeilheit keine Domäne der Nazis sind. [mm]

Quelle: http://bonjourtristesse.wordpress.com/2013/06/26/hilfe-sie-sind-da/

Lesung am 06.April „Topf & Söhne – Besetzung auf einem Täterort“

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Am 06.04.13 ab 19 Uhr gibt es in Jena eine Lesung des Buches “Topf & Söhne – Besetzung auf einem Täterort”

Alle Infos zum Buch fin­det ihr hier http://topfsquat.arranca.de/ oder hier http://feierabendle.net/index.php?id=983,
Zu haben ist es im In­fo­la­den oder über die Seite des Gras­wur­zel-Ver­lags (http://www.graswurzel.net/
verlag/)


Anschließend gibt es noch ein Konzert. Alle Infos dazu und zur Lesung findet ihr hier: http://posibox.blogsport.de/

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03.04.13 Kino im Infoladen

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Róbert I. Douglas
11 Men Out

20.00 Uhr | Infoladen Jena, Schillergäßchen 5, 07745 Jena

Óttar, der Stürmerstar des isländischen Fußball-Erstligisten KR, verkündet öffentlich sein Schwulsein – und stürzt damit den isländischen Fußball und seine eigene Familie ins Chaos. Erst am Tag der Gay-Pride-Parade wird er wieder auf seine alte Mannschaft treffen – nun als Stürmer des „Pride United Reykjavík“.

„Mein Film erklärt, was es bedeutet, als Schwuler in einer so vom Machismo geprägten Gesellschaft wie der isländischen zu leben, samt ihrem stereotypen Bild vom Mann als hart arbeitendem und ebenso hart trinkendem Fischer“, sagt Regisseur Róbert I. Douglas.

Kino im Infoladen gibt’s jeweils am ersten Mittwoch des Monats. Die nächsten Termine sind:
02.05.13(ausnahmsweise ein Donnerstag!) – 20.00 Uhr „Oma & Bella“

05.06.13 – 20.00 Uhr “Sharayet”

Alle Infos findet ihr hier: http://infoladenjena.blogsport.de